Erklärung zur fünften Onlineveranstaltung der Reihe „Mut zu Zwischentönen“

Verschwörungstheorien? Nein danke!

In den NDR-Info-Beiträgen „Warum verfangen Verschwörungsmythen auch bei Gebildeten?“ und „Verschwörungsmythen: „Eine Art Heldengeschichte, die man erzählen kann““ vom 29. Oktober 2021 wurde unsere Onlineveranstaltung mit dem Titel „Infektionskrankheiten: Was gibt es außer Impfen?“ vom 18. Oktober 2021 in die Nähe der Unterstützung von Verschwörungstheorien gestellt. Dagegen verwahren wir uns.

Während unserer Veranstaltung hat sich einer der Referenten, der Psychoneuroimmunologe Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, zu Aussagen hinreißen lassen, die auch bei uns auf Ablehnung stießen.

Erstens stellte er die Impfung von Kindern gegen Covid-19 und medizinische Experimente während der Zeit des Nationalsozialismus auf eine Stufe. Wir betonen mit Nachdruck, dass diese Aussage von uns nicht geteilt wird. Es hätte der notwendigen Versachlichung des Diskurses gedient, sich auf ethische Fragestellungen zu beziehen: Wie hoch ist der Eigennutz bei der Impfung von Kindern? Welcher Grad an Fremdnützigkeit ist zu konstatieren? In welchem Verhältnis steht beides zu möglichen Impfschäden? Ist dieses Verhältnis jeweils akzeptabel? In die Diskussion über die Impfung von Kindern und Jugendlichen hätte außerdem die Information einfließen können, dass die englische Impfkommission (JCVI) trotz politischer Kritik keine Impfung empfohlen hatte: „Eine Infektion bedeute nur geringe Risiken für diese Altersgruppe.“1 In Dänemark, Finnland und Schweden wurden die Impfungen mit Moderna wegen der Impffolgeprobleme ausgesetzt.2 Island hat das Impfen mit Moderna gänzlich gestoppt.3 Zudem wird in Finnland auch bei Männern unter 30 Jahren und männlichen Jugendlichen Moderna nicht mehr verimpft.4

Zweitens machte er unzutreffende Angaben über die Zahl der nach einer Impfung gegen Covid-19 Gestorbenen und bezog sich dabei auf einen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts vom 19. August 2021. Dort steht auf Seite 13: „In 1.254 Verdachtsfallmeldungen wurde über einen tödlichen Ausgang in unterschiedlichem zeitlichem Abstand zur Impfung berichtet.“ Wir weisen Herrn Schuberts Darstellung zurück, weil hier ohne transparenten Bezug auf die zugrunde gelegte Datenlage eine Falschaussage  gemacht wird und eine solche Darstellung geeignet ist, Ängste zu schüren, was wir entschieden ablehnen. Selbst das Paul-Ehrlich-Institut schreibt hinsichtlich der Bewertung von Impfnebenwirkungen: „Ein Nachteil der Erfassung von Verdachtsmeldungen zu Impfkomplikationen bzw. Nebenwirkungen ist es, dass Aussagen zur tatsächlichen Häufigkeit der Nebenwirkungen nicht möglich sind. Bekanntermaßen werden nicht alle Nebenwirkungen gemeldet. Dieses sogenannte ‚underreporting‘ hat zahlreiche Gründe […]. Das genaue Ausmaß des ‚underreporting‘ lässt sich nicht exakt beziffern. […] Ganz besonders schwierig ist die Bewertung, ob ein unerwünschtes Ereignis mit einer Impfung in ursächlichem Zusammenhang steht. Ein bei einer solchen Bewertung in Betracht zu ziehender Faktor ist die Häufigkeit des Auftretens desselben Ereignisses bei nicht geimpften Personen. Jedoch können im Rahmen der Spontanerfassung keine Vergleichsdaten über das spontane Auftreten einer Erkrankung bei nicht geimpften Personen erhoben werden.“5 Pathologische Untersuchungen könnten hier Informationssicherheit schaffen, ebenso wie bei den an Covid-19 Gestorbenen.6

Die genannten Passagen wurden in der Sendung NDR Info vom 29. Oktober 2021 thematisiert, von der allerdings zwei Versionen ausgestrahlt wurden. Beide warten kurz nach Beginn mit einer Falschaussage auf, die das Konzept der Veranstaltung betrifft. Herr Jörn Straehler-Pohl sagte in seinem Beitrag: „Es soll um das Impfen gehen und welche möglichen Alternativen es nach Aussage der Veranstalter im Kampf gegen  Corona gibt wie zum Beispiel Naturheilverfahren.“ Das ist einerseits unrichtig und andererseits eine Verkürzung. Es sollte um komplementäre und nicht alternative Maßnahmen und Notwendigkeiten gehen. Bei der Veranstaltung sollten außerdem weder das Impfen noch Alternativen noch Naturheilverfahren im Mittelpunkt stehen, wie dem Einladungstext zu entnehmen ist. Im Einführungsvortrag wird zwar die Frage nach einer Ergänzung zum Impfen gestellt, zum Beispiel Medikamente, doch ist das nur ein Aspekt unter etlichen anderen.

Unser Anliegen bestand und besteht darin, einen Raum für eine offene Debatte über ein komplexes Thema zu bieten, in dem verschiedene Aspekte und Einschätzungen ohne den Anspruch auf den alleinigen Besitz der Wahrheit erörtert werden können. In diesem Sinne verweist der Titel der fünften Veranstaltung auf die Frage, welchen weiteren, das Impfen ergänzenden Maßnahmen für die Eindämmung von und die Vorbeugung gegen Pandemien mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsste. Im Einladungstext sind verschiedene Maßnahmen und Handlungsoptionen aufgeführt. Dort heißt es: „Längst sind viele Auswirkungen von Lebensumständen auf Gesundheitszustände bekannt. Auswirkungen der Vireninfektionen bei in Armut Lebenden – auch in den Industrieländern – sind deutlich gravierender. Können Impfungen die Probleme der Verknüpfung von Armut und Krankheit lösen?“ Und an anderer Stelle: „Wieso spielt die kollektive Immunabwehr, also z. B. die Erhaltung (bzw. Wiederherstellung) einer gesunden Umwelt (sauberes Wasser, saubere Luft, Landwirtschaft ohne Pestizide, ordentlicher Wohnraum für alle, umfassende gesundheitliche Vorsorge) so gar keine Rolle in der Diskussion?“

Das führt zu weiteren Fragen: Welche staatlichen Ernährungsprogramme, welche Unterstützungen sind gelaufen – nachdem zum Beispiel auch die „Tafel“ ausgefallen war? In welche Existenznot kamen Menschen, deren Arbeitsplatz wegfiel? Wurden überhaupt Gesundheitszusammenhänge im Kontext des biopsychosozialen Modells oder der Salutogenese7 gewürdigt? Gegen Impfungen wenden wir uns nicht. Allerdings ist es notwendig, sich auch mit den möglichen Folgen zu befassen. Die Schwächen der bestehenden Datenlagen sind selbst dem Paul-Ehrlich-Institut bekannt (siehe oben). Warum sind von der WHO längst zugelassene traditionelle Totvirenimpfstoffe, die erfolgreich international eingesetzt wurden, bei uns nicht erhältlich?

Der Ablauf der Veranstaltung entsprach nicht unserer Planung. Ungünstig hat sich sicher das Fernbleiben eines Diskutanten ausgewirkt, der als Nichtmediziner andere Schwerpunkte ins Gespräch gebracht hätte. So ergab sich leider ein Ungleichgewicht zu Gunsten der Betonung psychodynamischer und immunologischer Prozesse. Wesentliche Themenbereiche wie Medikamente, Armut und dadurch verursachter eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsangeboten – auch bei uns –, global wieder verstärkte sonstige Armutsfolgen und ungerechter Zugang zu Impfstoff wurden kaum bis gar nicht angesprochen. All diesen für die Gesundheit wesentlichen Aspekten wurde in den NDR-Sendungen keinerlei Beachtung geschenkt. Stattdessen wird unserer Veranstaltung, und damit auch den Veranstaltern, mit den Mitteln Verkürzung und Verzerrung die Verbreitung von „Verschwörungsmythen“ unterstellt. Unser Verständnis eines verantwortlichen und der Aufklärung und umfassender Information verpflichteten Journalismus, der allgemein und insbesondere öffentlich-rechtlichen Medien oberstes Gebot sein muss, ist ein anderes.

Sendungen

Version 1

Version 2


1 Bundesärztekammer: Teenager ab zwölf sollen in Großbritannien Coronaimpfung erhalten. URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/127246/Teenager-ab-zwoelf-sollen-in-Grossbritannien-Coronaimpfung-erhalten, 31. Oktober 2021.

2  Siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Oktober 2021: Schweden und Dänemark setzen Moderna-Impfungen von Jüngeren aus. URL: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/moderna-impfungen-von-juengeren-in-schweden-und-daenemark-gestoppt-17573120.html, 5. November 2021.

3  Siehe Berliner Morgenpost vom 12. Oktober 2021: Corona: Neue RKI-Zahlen – Erstes Land stoppt Moderna-Impfung. URL: https://www.morgenpost.de/vermischtes/article233444105/corona-aktuell-zahlen-rki-schnelltests-regeln-biontech-3g-news-deutschland.html, 5. November 2021.

4 Siehe Redaktionsnetzwerk Deutschland vom 7. Oktober 2021: Auch Finnland stoppt Moderna-Impfung bei Jüngeren: Welche Daten gibt es aus Deutschland? URL: https://www.rnd.de/gesundheit/corona-auch-finnland-stoppt-moderna-impfung-bei-juengeren-VVDYKGHCZFDBXC4AS24HPKR5C4.html, 5. November 2021.

5 Paul-Ehrlich-Institut: Erläuterungen zur UAW-Datenbank (DB-UAW). URL: https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/arzneimittelsicherheit/uaw-datenbank-erlaeuterungen.pdf? blob=publicationFile&v=2, Seite 4/5, 31. Oktober 2021.

6 Siehe Bundesärztekammer: Heidelberger Pathologe pocht auf mehr Obduktionen von Geimpften. URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/126061/Heidelberger-Pathologe-pocht-auf-mehr-Obduktionen-von-Geimpften, 5. November 2021.

7 Salutogenese […] bezeichnet einerseits eine Fragestellung und Sichtweise für die Medizin und andererseits ein Rahmenkonzept, das sich auf Faktoren und dynamische Wechselwirkungen bezieht, die zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit führe. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Salutogenese.