Zur vierten Onlineveranstaltung in der Reihe „Mut zu Zwischentönen“: Stirbt die Vielfalt von Kultur mit Corona und mit ihr Solidarität?

Einführung in die Thematik. Das Video der Veranstaltung kann hier angesehen werden.

Wie lebt derzeit die Vielfalt von Kultur?

Ähnliche Skylines in den Metropolen verkörpern eine globale Baukultur. Ebenso stellt sich eine weltweit gleichende industrielle Agrarkultur als Ausdrucksform herrschender Systemmacht dar – geschaffen durch profitabel global agierende, konkurrierende Konzerne, geschmückt mit nationalen Fähnchen als Einlasspforten für jeweilige staatliche Subventionen.

Herrschaft benutzt Kultur

Herrschaft drückt sich immer kulturell aus. Bei Herrschaftswechsel werden häufig vorherige Kulturwerte niedergemacht, zerstört oder Kulturgut wird Handelsware.

Kunstobjekte werden gern als Spekulationsgut global gehandelt, zurzeit dem Zugriff von Besteuerung durch Verwahren in Containern in Freihafenarealen geschützt.

Mit Kulturgut wird gedealt, Profit gemacht oder es werden Kriege mitfinanziert. 

Schutz von Kulturgütern

Der weltweite Umfang dieser Probleme hat Maßnahmen herausgefordert und zu der UNESCO-Konvention zum Schutz der Kulturgüter geführt. Circa 140 Staaten traten dem Vertrag bei. Deutschland ratifizierte die UNESCO-Konvention im März 2007.

Artikel 2 besagt:

Die Vertragsstaaten erkennen an, dass die unzulässige Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut eine der Hauptursachen für das Dahinschwinden des kulturellen Erbes der Ursprungsländer darstellen […].“ (Seite 3) 

Global operierende Musikkonzerne wurden im Gefolge von Digitalisierungen und Tauschbörsen an die Grenzen ihrer Macht geführt und zu Neuorganisationen gezwungen. Auch die Filmbranche entwickelte neue Strukturen. So wurden Spotify, Netflix und Co. zu Begriffen der Moderne. YouTube ermöglicht „Participation“, gar „Inklusion“ im Medialen.

Folgen von Ökonomisierung und Digitalisierungen

Das Fortschreiten der Ökonomisierung im Bereich Kultur hat durch die Digitalisierung einen gewaltigen Schub erfahren.

Multimediale Plattformen entstehen, Begegnungen im sozialen Raum werden virtuell.

Wie wirkten sich diese Veränderungen bei den Kulturschaffenden aus? Was änderte sich im sozialen Raum von Kultur? Wie kann ein Schutz der Vielfalt erreicht werden?

Kultur ist Menschenrecht

Artikel 15 des UN-Sozialpaktes befasst sich mit der Teilhabe am kulturellen Leben – es geht um unser Menschenrecht.

„Die Vertragsstaaten unterliegen einer progressiven Implementierungspflicht zur Verwirklichung dieser Rechte […].“ Auch Deutschland ist aufgefordert, Maßnahmen zur Umsetzung der im Pakt niedergelegten Rechte zu ergreifen. Dazu gehören eine Kulturförderpolitik, die kulturelle Teilhabe ermöglicht beziehungsweise erleichtern soll, sowie ein Zuwachs der kulturellen Kompetenzen durch kulturelle Bildung sichert. (Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestags, 2006, Seite 6)

Vielfalt der Kultur als Gemeingut obliegt also der staatlichen Daseinsvorsorge.

Folgen aktueller staatlicher Daseinsvorsorge

Ist es der Kultur besser ergangen als zum Beispiel dem Gesundheits-, Bildungs- und öffentlichen Verkehrswesen?

Nein, auch hier Ausgabeneinsparungen mit der Folge von Ausdünnungen und Preisbarrieren bei gleichzeitigen Privatisierungen. Finanzierungen öffentlicher Aufgaben durch Stiftungen sind normal geworden.

Und natürlich trifft es wieder die in Armut lebenden Familien stärker. Armut verhindert kulturelle Teilhabe und Kreation. Es verbleibt oft nur das Aufgreifen auf Masse ausgelegter konservenartiger Kreationen unter Kontrolle der Konzerne.

Schöpfer eigener YouTube-Kanäle werden durch die Belohnung mit Krümeln von den Werbeeinnahmen rasch auf die Gleise herrschender Politökonomie gesetzt.

Multikulturelle Gesellschaft

Globalisierung und Migration führen zu multikulturellen Erscheinungen in unserer Gesellschaft.

Werden multikulturelle Begegnungsräume als Bereicherung für uns alle empfunden? Das bestehende politische Klima signalisiert ein Nein. Noch in den 1970er Jahren war die multikulturelle Integration Programm, Deutschland  war noch ein Einwanderungsland.

Aber bereits in den Achtzigern wurde parallel zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Rückkehr ins Heimatland finanziell angereizt. Die 90er Jahre waren mit Debatten gefüllt, 2004 und 2010 erklärte Frau Merkel unsere real existierende multikulturelle Gesellschaft für „grandios gescheitert“.

Vergleicht man Kultur mit einem Eisberg, erhalten wir zwei Teile:

  1. einen sinnlich wahrnehmbaren Teil mit den Gestaltungen wie Literatur, Theater, Musik, Spiele, Essen, Kleidung, Sprache, Kommunikationsformen usw.  sowie
  2. einen unbewussten, verborgenen Teil mit Werten, Normen, Einstellungen, Gefühlen, Verpflichtungen, Beziehungen, Erwartungen, usw. – Gründung von kultureller Solidarität

Kultur ist in Sozialisationszielen verankert und wird über Erziehungsziele an die nächste Generation weitergegeben. Dabei werden bevorzugt systemkonforme und das System erhaltende Werte politisch unterstützt.

Wie soll sich eine multikulturelle Vernetzung und ein gemeinsames Verständnis – eine interkulturelle Solidarität – entwickeln können, wenn der politische Wille bei den Regierenden fehlt.

Multikulturell getragene Solidarität ist nicht gewünscht. Herrschaft ist besser durch konkurrierende Gruppenbildungen zu erhalten.

Und Corona?

Die Regierenden haben in der Corona-Pandemie Solidarität von uns gefordert. Ein Ja zur sozialen Solidarität. Und allen Bedürftigen steht Zufluss aus den Mitteln unseres Corona-Schirmes zu – unseres Corona-Schirmes, weil wir ja wohl später zur Kasse gebeten werden.

Natürlich sind wir solidarisch mit den gefährdeten Armen und den Vulnerablen sowie den Menschen, die systemrelevant tätig sind: wie in den Krankenhäusern, Altenheimen, in Lebensmittel- und Haushaltsgeschäften, in den öffentlichen Verkehrsbetrieben, der Logistik – und den Kultureinrichtungen.

Aber die Masse der Torte des Corona-Schirmes ging in den Erhalt von Wirtschaftsbetrieben und nur wenige Krümel erreichten die Menschen, mit denen wir solidarisch sind.

Nicht solidarisch sind wir mit den Empfängern der Tortenmasse: Betriebe, die ihren Aktionären, Rendite-und Dividendenempfängern weiterhin Einnahmen sichern – bei gleichzeitig fortschreitender Verarmung und Ungleichheit von Leben in der Bevölkerung.

Auch das braucht Kultur

Kultur braucht Kommunikation, braucht mehr multikulturelle Begegnungs- und Existenzräume. Überlassen wir die Kulturräume nicht der Rechten! Kultur muss wieder multikulturell in der öffentlichen Daseinsvorsorge verankert werden.

Wir freuen uns, dass sich die Kulturschaffenden ihre Kreativität nicht haben nehmen lassen und weiterhin künstlerisch Zukunft mitgestalten werden!

Mit ähnlicher Zuversicht sangen 1970 Eric Burdon & War den Song für Frieden und Freiheit aller: „They Can’t Take Away Our Music“.